von Michael Streck
Man möchte das Wort kaum noch in den Mund nehmen: nachhaltig. Jeder Politiker, jeder Forscher, jeder Banker, Ölkonzernchef, Berater, jedes Strategiepapier (diese Treibhaus-Ausgabe) spricht von Nachhaltigkeit. Alle wollen nur noch nachhaltig. Nachhaltiger Tourismus, nachhaltiges Bauen, nachhaltige Landwirtschaft. Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit, am besten alle drei verknüpft. Kaum ein Begriff ist so überstrapaziert, so unscharf geworden.
Ist es nachhaltig, wenn Deutschland für seine Müllverbrennungsanlagen Abfall importiert, der ansonsten in Russland auf maroden Deponien verrottet, Böden und Grundwasser vergiftet? Sind Fast-Food-Ketten nachhaltig, weil sie Papier statt Plastik verwenden? Sind Ölkonzerne nachhaltig, weil ihre Mitarbeiter keine Emails mehr ausdrucken? Was heißt nachhaltig für einen Banker und Autohersteller?
Jedes Großunternehmen, das etwas auf sich hält, erstellt mittlerweile jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht: eine Bilanz verursachter Umweltbelastungen, aber auch seines Engagements in sozialen Belangen. Diese Berichte geben selbst Konzernen aus Branchen mit hohem Ressourcenverbrauch einen "grünen" Anstrich, obwohl ihr "ökologischer Fußabdruck" selbst den vieler Staaten übertrifft.
Viele Nachhaltigkeitsberichte vermitteln den Eindruck, dass Firmen mit ökologischen Ressourcen ähnlich gewissenhaft umgehen wie mit Kapital. Das gilt auch für die Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen durch das "Nachhaltigkeitsrating". Der Begriff ist dem Finanzmarkt entlehnt, wo es darum geht, die Kreditwürdigkeit von Unternehmen zu bewerten, und suggeriert, dass hier die nachhaltige analog zur ökonomischen Leistung des Unternehmens abgebildet wird.
Das ist aber selten der Fall. Denn in der Regel geht es nicht vornehmlich um die ökologische und soziale Unternehmensleistung. Vielmehr wird die Analyse ökologischer und sozialer Aspekte auf die Frage verkürzt, welchen Anteil sie zum Unternehmensgewinn beisteuern kann. Die Zürcher Agentur Sustainable Asset Management (SAM), die den Dow Jones Sustainability Index ermittelt, schreibt: "Beim nachhaltigen Investieren werden traditionelle Finanzbewertungsmodelle ergänzt, indem auch nichtfinanzielle Kriterien, die den Shareholder Value beeinflussen, mit berücksichtigt werden."
Grundsätzlich ist es begrüßenswert, wenn dem Dow Jones Index der Finanzwelt ein Index der Nachhaltigkeit gegenübergestellt wird. Problematisch ist aber, dass dabei ein "grüner" Ölmulti besser dastehen kann als ein Windkraftunternehmen.
Dass es bei den existierenden Ratings letztlich nicht um die tatsächliche ökologische Belastung geht, zeigt auch ein Blick auf die zumeist undurchsichtigen Ratingverfahren. Den meisten Nachhaltigkeitsratings liegen Kriterien zugrunde, von denen sich nur wenige auf die faktischen Auswirkungen des unternehmerischen Handelns auf Umwelt und Gesellschaft beziehen, sagt Frank Figge, Professor of Management and Sustainability an der Queen's University in Belfast. So werde meist nicht berücksichtigt, wie stark ein Unternehmen zum Beispiel auf das Klima oder den Wasserhaushalt einwirke. Stattdessen bekomme die Frage, wie kommuniziert wird, oftmals ein größeres Gewicht als die Inhalte, die kommuniziert werden.
Dieses Problem zeigt sich auch bei den Ranglisten (Rankings) von Nachhaltigkeitsberichten. Analysiert wird hier nur, wie gut die Unternehmen über ihre ökologischen und sozialen Aktivitäten berichten. Wie gut oder schlecht die Unternehmen hinsichtlich Ressourcenverbrauch und Emissionen wirklich abschneiden, zählt dagegen nicht. Die präsentierten Grafiken und Daten sind oft nur sehr begrenzt geeignet, die Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen zu beurteilen. Und statt den ökologischen Fußabdruck des Unternehmens präzise zu dokumentieren, werden einzelne Verfahrens- oder Produktverbesserungen geschildert. Das systematische Abbilden der tatsächlichen Nachhaltigkeitsbemühungen und -daten fehlt hingegen: Wie viel Wasser ein Unternehmen verbraucht und wie viel Boden es versiegelt, und ob das gemessen am Durchschnitt der Branche viel oder wenig ist, darüber erfährt der Leser wenig.
Überdies betreiben die Unternehmen mit den veröffentlichten Daten häufig Augenwischerei. Ein Beispiel: Heizkraftwerke von Großunternehmen, die oftmals eigenständig operieren, aber mehrheitlich Energieriesen gehören. Was bedeutet es nun, dass der Betreiber nicht der Besitzer und der Besitzer nicht der Betreiber ist? Konzerne, die sich als "grün" präsentieren wollen, müssen ihre CO2-intensiven Kraftwerke nicht in ihre Berichte aufnehmen. ?Solche Tricks sind meist legal und auch von kritischen Beobachtern und Konsumenten oftmals nicht zu erkennen?, sagt Figge. ?Gegen das Motto ?Tue Gutes und rede drüber?, das der Nachhaltigkeitsberichterstattung zugrunde liegt, ist prinzipiell nichts einzuwenden.? Doch über eine messbare Nachhaltigkeitsleistung würden diese Berichte nicht viel aussagen. Allerdings gebe es bisher auch nur wenige praktikable Methoden, die den absoluten Ressourcenverbrauch messen können und zu bewerten wagen.
Es gibt jedoch zunehmend Versuche, solide Kennziffern über tatsächliche ökologische und soziale Auswirkungen unternehmerischer Tätigkeiten zu erfassen und damit den Aussagewert von Nachhaltigkeitsberichten zu erhöhen. In Deutschland hat das Bundesumweltministerium auf Initiative des Rates für Nachhaltige Entwicklung solche wesentlichen Kernbestandteile von Nachhaltigkeitsberichten erarbeitet. Diese decken sich weitgehend mit den Anforderungen der ?Global Reporting Initiative (GRI)?, die international als Vorreiter der Nachhaltigkeitsberichterstattung gilt. Eine wachsende Rolle spielen überdies ökologisch-ethische Investmentanlagen (SRI), die den Auftritt von Unternehmen im Umweltschutz und sozialen Bereich bewerten. Auch haben gesetzliche Verpflichtungen in Ländern wie Dänemark, den Niederlanden und Frankreich geholfen, den Aussagegehalt von Nachhaltigkeitsberichten zu verbessern.
Ein anderer Weg, Nachhaltigkeit in Zukunft besser abzubilden, leitet sich aus der ökonomischen Bewertung von Unternehmen auf den Finanzmärkten ab. Hier wird der Unternehmenserfolg traditionell an der Kapitalverzinsung des Unternehmens bemessen. Nach der Logik der Finanzmärkte schafft eine Investition nur dann Wert, wenn sie mehr Ertrag erbringt, als mit anderen Investitionen erzielt worden wäre, wenn die Investition des Kapitalgebers sich höher verzinst als im Marktdurchschnitt. Ein Unternehmen kann allerdings nicht auf Dauer erfolgreich wirtschaften, wenn es über keine ökologischen und sozialen Ressourcen verfügt.
Die Verzinsung ökologischer und sozialer Ressourcen wird häufig mit einer höheren Kapitalrendite durch gutes Umwelt- oder Sozialmanagement verwechselt, sagt Tobias Hahn, Fachmann für ?Corporate Sustainability, CSR and Environmental Management? an der Euromed Management School in Marseille. Eine höhere Kapitalrendite sei jedoch nicht gleichbedeutend mit einer höheren ? ökologischen ? Verzinsung. Umgekehrt könne ein Unternehmen, das eine unterdurchschnittliche Marktrendite auf sein Kapital erzielt, zugleich sehr effizient mit seinen ökologischen Ressourcen umgehen. Es werde dennoch von den Finanzmärkten abgestraft, weil diese den ökologischen Fußabdruck und damit auch die ökologische Verzinsung außer Betracht lassen. Eine hohe ökologische Verzinsung liegt zum Beispiel dann vor, erklärt Hahn, wenn die Unternehmen relativ wenig Energie verbrauchen, um den Unternehmensgewinn zu erzielen. Dagegen benutzten Ölfirmen viele ökologische Ressourcen, um eine hohe Rendite auf das Kapital zu erzielen.
Der Markt bleibt ökologisch und sozial blind, solange dieselbe Konsequenz nicht im Bezug auf Nachhaltigkeit gezogen wird. Ein Unternehmen, das viel Fremdkapital einsetzt, gilt als risikobehaftet. Für ein Unternehmen, das ökologische und soziale Ressourcen verschwendet, gilt diese Regel jedoch nicht.
Diesen Konstruktionsfehler könnte man überwinden, indem Unternehmen nicht allein nach der Kapitalrendite bewertet werden, sondern auch die Verzinsung ökologischer und sozialer Ressourcen berücksichtigt würden. Unternehmen, die ihre hohe Kapitalrendite auf Kosten der Umwelt erzielen, würden dann wirklichkeitsnaher nachhaltig bewertet.