Gastbeitrag

"Eine Integration in das Controlling erfolgt fast nie": Ein Gespräch mit dem Nachhaltigkeitsexperten Prof. Schaltegger von der Universität Lüneburg.


Prof. Dr. Stefan Schaltegger

Prof. Dr. Stefan Schaltegger, Leiter des Centre for Sustainability Management (CSM) und des MBA Studiengangs Sustainability Management an der Leuphana Universität Lüneburg.

www.leuphana.de/csm

 

 

 

Herr Professor Schaltegger, kann man Nachhaltigkeit messen?

Nachhaltigkeit ist ein sehr umfassender und weitreichender Anspruch, der in einer absoluten Form bisher nicht befriedigend gemessen werden kann. Hingegen können Fortschritte bezüglich vieler Teilaspekte der Nachhaltigkeit gemessen bzw. Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung beurteilt werden. Am einfachsten und verbreitetsten ist die Messung der Reduktion in jeweils einer der Nachhaltigkeitsperspektiven, z.B. die Messung der Reduktion von CO2-Emissionen. Auch können Fortschritte im sozialen Bereich gemessen werden wie die Verminderung von Krankheitstagen oder Unfällen. Etwas weniger verbreitet ist die Messung integrativer Fortschritte wie die Verbesserung der Öko-Effizienz oder der Sozio-Effizienz. Bei der Öko-Effizienz geht es z.B. um die Verminderung der CO2-Emissionen pro erwirtschaftetem Euro.

Wie messen Unternehmen heute Nachhaltigkeit?

Unternehmerische Nachhaltigkeitsaspekte zu messen erfolgt sehr unterschiedlich, vor allem durch die Umwelt- und Nachhaltigkeitsabteilungen und meist in speziell entwickelten, jeweils sehr unterschiedlichen Excel-Tabellen oder Software-Programmen. Eine Integration in die zentralen Managementinformationssysteme, das Rechnungswesen und Controlling des Unternehmens erfolgt fast nie. Bei der "Corporate Sustainability Barometer"-Befragung von 112 großen deutschen Unternehmen sind sehr deutliche Unterschiede zu Tage getreten, zu welchen Nachhaltigkeitsthemen eine Messung erfolgt. Während über 90% der Unternehmen den Energieverbrauch messen, werden Themen wie Kinder- und Zwangsarbeit in der Lieferkette nur von 27% und Biodiversitätsaspekte gar nur von 15% der Unternehmen gemessen.

Welche Bedeutung haben die so gewonnenen Kennzahlen für die Unternehmensführung - abgesehen von Kommunikationszwecken?

Die Bedeutung der Kennzahlen ist eine interne Signalwirkung, dass es sich um ein wichtiges Thema handelt, dem man sich widmen soll. Kennzahlen zeigen auch auf, in welchen Bereichen und in welche Richtung eine Verbesserung erwartet wird. Damit erfolgt ein Signal oder gegebenenfalls auch eine sehr explizite Steuerung von Abteilungen, Produktentwicklungen, Entscheidungen und Handlungen im Unternehmen. Die Messung der Nachhaltigkeitsleistung kann entweder "Outside-in" oder "Inside-out" gesteuert sein. Outside-in heißt, dass zur Erstellung eines Nachhaltigkeitsberichts z.B. die Indikatoren der Global Reporting Initiative (GRI) genommen und dann intern die Informationen gesammelt werden, um über diese Indikatoren berichten zu können. Aus den so gesammelten Informationen entstehen dann Veränderungsprozesse, da die sammelnden Personen dann beginnen sich über Veränderungsmöglichkeiten Gedanken zu machen, um bezüglich der Zahlen besser dazustehen. Inside-out bedeutet, dass die Unternehmensleitung eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt und daraus Kennzahlen ableitet, die den Erfolg der Umsetzung messen sollen. Das Ergebnis wird dann nach außen kommuniziert. In beiden Fällen ist die Signalwirkung klar, selbst wenn keine expliziten Zielvorgaben bestehen und keine monetären oder quantitativen Anreize mit der Verbesserung bestimmter Kennzahlen verbunden sind.

Wie sehen Sie die Qualität von Nachhaltigkeitsberichten in deutschen Unternehmen?

Die Unterschiede sind so groß wie die Unterschiede zwischen den Unternehmen. Insgesamt ist jedoch zu erkennen, dass vor allem die großen Unternehmen sich immer professioneller mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung auseinandersetzen.

Wir stellen uns vor: Der testierte Geschäftsbericht eines DAX30 Unternehmens enthält alle nachhaltigkeitsrelevanten GRI-Kennzahlen. 2015? 2020? Oder, nie?

Ist dies überhaupt erstrebenswert? Unter einem integrierten Geschäftsbericht werden derzeit Ideen diskutiert, die ich als wenig adressatenorientiert erachte. Wer liest schon 200 Seiten dicke Berichte? Interessanter ist ein Ansatz gekoppelter Informationsbereitstellung und -kommunikation. Erstens macht es je nach Unternehmen für bestimmte Kennzahlen wenig Sinn, sie zu erheben und darüber zu berichten. Dafür hat auch die GRI vorgesehen, dass eine Erläuterung formuliert werden soll, weshalb nicht über die entsprechende Kennzahl berichtet wird. Die Auswahl der Kennzahlen muss der Relevanz für das Geschäft, das Unternehmen, den Markt usw. entsprechen. Zweitens muss man fragen, wer umfangreiche Berichte überhaupt liest und ob es nicht mehr Sinn macht, Kommunikationsprodukte und -kanäle auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Adressaten auszurichten. Bei einer internetbasierten Nachhaltigkeitsberichterstattung kann zum Beispiel nach einem Shopping-Prinzip jeder Person ermöglicht werden, die Informationen aus einer großen Auswahl an Kennzahlen, qualitativen Informationen, Berichten usw. selbst so zu wählen, dass sie dem jeweiligen Interesse entsprechen. Alle Nachhaltigkeitsinformationen, inklusive aller Finanzinformationen, in einen einzigen dicken Bericht zu stopfen, erscheint mir wenig zielführend. Man spricht in so einem Fall vom "Carpet bombing-Syndrom" - mit dicken Berichten werden Teppiche der Empfänger bombardiert und keiner liest sie. Sinnvoller dürfte sein, dass unterschiedliche Adressatengruppen spezifische Informationen erhalten, die ihren Bedürfnissen entsprechen und sie dann darauf aufmerksam machen, dass mehr und andere Informationen auch im Internet zur Verfügung gestellt werden. So wird klarer dokumentiert, dass man den Adressaten nicht einfach etwas "zum Fraß vorwirft", sondern sich Gedanken macht, welche Informationen sie brauchen und dennoch Transparenz auch weit über das zielgruppenspezifisch Gelieferte herstellt.

Angenommen, Nachhaltigkeitskennzahlen würden tatsächlich integraler Bestandteil der Unternehmensberichtserstattung, werden sich Investoren/Analysten dafür interessieren?

Viele Analysten und Investoren interessieren sich schon heute für die für sie relevanten Nachhaltigkeitsinformationen. Besonders interessiert sind natürlich die Analysten von Finanzdienstleistern von Nachhaltigkeitsratings, Nachhaltigkeitsfonds usw. Dies haben viele Unternehmen auch erkannt und liefern in Gesprächen und spezifischen Berichten die entsprechenden Informationen.

Zum Schluss: Wie beurteilen Sie den TEEB-Bericht (The Economics of Ecosystems and Biodiversity), welche Bedeutung hat der Versuch, Natur einen Wert zu geben, für die Nachhaltigkeitsbilanz in Unternehmen?

TEEB ist ein umfangreicher und sehr wertvoller Bericht, der die ökonomische Relevanz des Biodiversitätsverlustes dokumentiert. Er hat für die Politik, für Verbandsdiskussionen und Verhandlungen zwischen Politik und Verbänden eine wichtige Funktion. Auf eine handlungsunterstützende Ebene ist selbst das Kapitel zu Unternehmen leider nicht gekommen. Insofern können Manager mit dem Bericht wahrscheinlich wenig anfangen. Da hilft das von der "Business and Biodiversity Initiative" - initiiert durch die Bundesregierung - herausgegebene "Handbuch Biodiversitätsmanagement" wahrscheinlich mehr. Allerdings zeigen beide Studien keine Ansätze auf, wie ein "Accounting for Biodiversity" aussehen könnte. Hier ist noch viel Forschungsbedarf.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Juliane von Stockhausen.