Die Finanzkrise hat vielen bewusst gemacht, wie wichtig es ist, nachhaltige Kriterien bei Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen. In den vergangenen zwei Jahren hat sich der europäische Markt für nachhaltige Investments fast verdoppelt. Investoren, Analysten und Kunden achten immer stärker auf ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Leistungen eines Unternehmens und fordern erhöhte Transparenz in der Außendarstellung. Bereits seit Mitte der 90er Jahre veröffentlichen überwiegend größere Unternehmen in Deutschland freiwillig Nachhaltigkeitsberichte. Ein kurzer Blick zurück zeigt, wie es dazu kam.
Pioniere in Sachen unternehmerischer Nachhaltigkeit sind die USA, die schon in den 1950er Jahren eine öffentliche Diskussion um die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen in Gang setzten, die bis heute anhält. Der Begriff "Corporate Social Responsibility" (CSR) als Vorstufe des Nachhaltigkeitskonzepts fand hier ein positives Echo. Als Meilenstein der wissenschaftlichen Debatte um CSR ist hier die Publikation "Social Responsibilities of Businessmen" von Howard Bowen (1953) zu erwähnen. In seiner Abhandlung nimmt der Autor die Unternehmen in die Pflicht und fordert ein ethisches und über das eigene Geschäft hinausgehende Handeln zugunsten der Gesellschaft.
Noch bevor der moderne Nachhaltigkeitsbegriff entstand, wuchs in den 70er und 80er Jahren in mehreren europäischen Industrieländern das Problembewusstsein für Umweltschutz. Vorreiter dieser Bewegung waren Bürgerinitiativen, die sich zu einer wichtigen politischen Kraft entwickelten.
Vor dem Hintergrund der großen Umweltkatastrophen der 70er und 80er Jahre und einer verunsicherten Öffentlichkeit in Deutschland wurde der Ruf nach mehr Umweltschutz und Transparenz seitens der Wirtschaft lauter. Firmen bemühten sich seither zunehmend, ihre Außendarstellung beim Umweltschutz zu verbessern und nutzten hierfür freiwillig veröffentlichte Umwelterklärungen. Die jährlich erscheinenden Berichte haben bis heute keine vorgegebene Struktur, berichten über betriebliche Umweltpolitik und bisher erreichte Ergebnisse. Eine Input/Output-Bilanz über die Mengen der verbrauchten Materialien sowie Emissionen sind ebenfalls wichtiger Bestandteil der Dokumentation.
Seit der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 entwickelte sich das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung zu einer international anerkannten gesellschaftlichen Zielsetzung. Der ursprüngliche Gedanke von Nachhaltigkeit, der sich vornehmlich mit dem Bewirtschaften von Wäldern beschäftigte, erhielt nun eine neue Dimension: die Lebensqualität der gegenwärtigen Generation ressourcenschonend zu sichern und zukünftigen Generationen die Wahlmöglichkeit zur Gestaltung ihres Lebens zu ermöglichen. Die neue Denkrichtung beeinflusste auch die Erwartungen an Unternehmen, ihre nachhaltigen Strategien nach außen zu tragen. Eine europaweite politische Dimension erhielt das Thema im Jahr 2000, als die EU beschloss, "bis 2010 zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum mit einem nachhaltigen Wachstum" zu werden.
Dies führte zu unterschiedlichen Ansätzen bei den Nachhaltigkeitsberichten. Wie bei den Umweltberichten sind die Nachhaltigkeitsberichte von den Unternehmen freiwillig und nicht vollständig standardisiert. Sie beruhen mehrheitlich auf den international anerkannten Standards des GRI-Index. Die meisten Berichte geben einen Überblick über aktuelle Entwicklungen und Leistungen des jeweiligen Unternehmens unter ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekten.
Eine in der Financial Times Deutschland jüngst veröffentlichte Befragung von Kommunikations- und IR-Experten zu ihrem bevorzugten Format von Nachhaltigkeitsberichten erwartet, dass die meisten Unternehmen ihren Bericht in den Geschäftsbericht integrieren werden. Auch der Ökonom Axel Hesse plädiert dafür, Nachhaltigkeitsaspekte entlang der bisherigen Gliederung in geprüften Lage- und Geschäftsberichten zu integrieren. Eines ist schon jetzt sicher: Der Trend hin zu mehr Berichterstattung in Sachen Nachhaltigkeit ist ungebrochen und führt damit zu mehr Transparenz bei Unternehmen.
(AZK)
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist eine der wichtigsten Orientierungsgrößen für politische Entscheidungsträger. Entsprechend groß war die Freude von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), als er im Oktober für die Entwicklung des deutschen BIP in 2010 ein Wachstum von 3,4 Prozent in Aussicht stellen konnte. Doch das BIP und das mit ihm verbundene Wachstumskonzept sind umstritten.
Kritiker wenden ein, dass das BIP keine Orientierung für die Entwicklung einer Gesellschaft biete und daher als Maßstab für die Wirtschaft in der Gesellschaft nicht tauge. Der zusammengefasste Mehrwert aller auf Geld basierenden wirtschaftlichen Tätigkeiten, der durch das BIP abgebildet wird, gibt keine Anhaltspunkte zur Qualität der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Er gibt keine Auskunft über den Naturverbrauch, der mit ihr verbunden ist. Und er gibt keinen Hinweis, ob der geschaffene Mehrwert auf Kosten der nachhaltigen Tragfähigkeit von Ökosystem und Gesellschaft erwirtschaftet wurde. Das stand bei der Entwicklung der Kenngröße BIP in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts freilich auch nicht in Frage.
Erst seit der Club of Rome 1972 die Grenzen des Wachstums ausgerufen und die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 im Brundtland-Bericht das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung entworfen hat, werden die Leerstellen im Konzept des BIP als Defizit wahrgenommen. Indikatoren wie der Human Development Index, der 1990 vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen vorgelegt wurde, oder der Happy Planet Index, der vom britischen Think Tank New Economics Foundation 2006 erstmals publiziert wurde, versuchen seither diese Lücken zu schließen. Im Kontext von Klimawandel und Nachhaltigkeitsdebatte sowie unter dem Eindruck einer Weltwirtschaft, die sich im vergangenen Jahrzehnt an einem von realen Werten scheinbar abgekoppelten Wachstum berauscht hat, ist die Diskussion über das BIP und das von ihm repräsentierte Wachstumskonzept in den letzten Monaten aus Expertenkreisen ausgebrochen und im politischen Diskurs angekommen.
Im November 2007 startete das Europäische Parlament gemeinsam mit Europäischer Kommission, Club of Rome, WWF und OECD im Rahmen einer Konferenz die Initiative "Beyond GDP". Im April 2008 bat Nicolas Sarkozy die beiden Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Armatya Sen, "die Schwächen des BIP als Indikator der ökonomischen Leistungsfähigkeit und des wirtschaftlichen Fortschritts auszuloten". Im August 2009 stellte die Europäische Kommission fest, das BIP sei "nicht für die Standortbestimmung in Umweltfragen oder beim Abbau sozialer Ungleichheiten geeignet". Im Frühjahr 2010 hat das Europäische Statistikamt Indikatoren vorgeschlagen, die das BIP mittelfristig ergänzen sollen. Noch in diesem Jahr will die Kommission einen umfassenden Umweltindex vorstellen, der die Schädigungen der Umwelt innerhalb der EU erfasst.
Die Diskussion rund um die statistische Erfassung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts beschäftigt auch den deutschen Bundestag. SPD und Grüne haben dazu im September den Antrag auf die Einsetzung einer Enquête-Kommission zu "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt" gestellt.
Dass die Regierung dem mittlerweile mit einem eigenen Antrag begegnet ist und die Enquête-Kommission nach ihrem Willen stattdessen über "Wege zu nachhaltigem Wirtschaften in der sozialen Marktwirtschaft" diskutieren soll, zeigt, dass es nicht nur um die methodischen Herausforderungen zur Messung von Nachhaltigkeit, sondern auch um Diskursmacht geht. Ob im politischen Diskurs eine Wohlstandsdefinition gefunden wird, die an Stelle der bewährten BIP-Wachstumsrhetorik für Entscheidungsträger handlungsrelevant wird, wie zuletzt vom WWF im Living Planet Report 2010 gefordert, bleibt abzuwarten.
(SP)