Nachhaltige Anlagen (SRI) sind auch nach der Finanzmarktkrise im Aufwind. Zahl und Volumen der in Deutschland angebotenen Publikumsfonds steigen kontinuierlich. Ende Juni waren in Deutschland, Österreich und der Schweiz laut Angaben des Sustainable Business Institute 340 Publikumsfonds (Ende Juni 2009: 301) zugelassen, die rund 30 (25,5) Milliarden Euro "nachhaltig" verwalteten. Europaweit waren es laut Vigeo insgesamt 879 (683) Fonds mit einem Volumen von 76 (53) Milliarden Euro.
Der Wunsch, nachhaltig(er) wirtschaftende Unternehmen zu fördern, spielt bei der Entscheidung für SRI keine entscheidende Rolle mehr. Auch bei SRI bestimmen Rendite und Risiko das Kalkül des Anlegers. Einschlägige (Meta-)Studien legen nahe, dass nachhaltige Aktienfonds die Renditeniveaus konventioneller Anlagen erreichen, wenn nicht sogar übertreffen. Ökologische und soziale Risiken im Investmentprozess zu berücksichtigen soll außerdem das Risiko gegenüber konventionellen Anlagen reduzieren. Das hat in der jüngsten Krise die Aufmerksamkeit von wohlhabenden und institutionellen Anlegern geweckt und zum Wachstum des Segments beigetragen. Die Erkenntnisse zu Rendite und Risiko von nachhaltigen Anlagen sind allerdings kaum belastbar. Das Risk Institute der EDHEC hat festgestellt, dass nachhaltige Anlageprodukte zwischen 2002 und 2009 gegenüber konventionellen Anlagen weder zusätzliche Rendite generiert noch einen Schutz gegen den Abschwung in der Krise geboten haben.
Ist die Entwicklung von SRI also als Marketingerfolg einer Branche zu werten, die das Thema Nachhaltigkeit nutzt, um eine tiefe Vertrauenskrise zu überwinden? Dafür spricht auch eine noch unveröffentlichte Untersuchung der Universität Zürich, die die Nachhaltigkeit von Anlagefonds mit Hilfe des RepRisk-Index (RRI) gemessen und mit dem RRI von konventionellen Fonds verglichen hat. Der RRI-Wert eines Unternehmens basiert auf der Nachrichtenlage zu seiner ökologischen und sozialen Wirkung sowie zu Fragen der Corporate Governance. Die Züricher Studie zeigt keinen signifikanten Unterschied zwischen den RRI-Werten von nachhaltigen Fonds und konventionellen Produkten. Von einer substanziellen Veränderung, gar von einem Paradigmenwechsel in der Investmentindustrie kann also nicht die Rede sein.
Dagegen mehren sich die Anzeichen einer grünen Börsenblase. "Meine Befürchtung ist (...), dass sich viele Anleger die Finger verbrennen und dann das Interesse an nachhaltigen Investitionen gänzlich verlieren werden", gibt Thorsten Hens, Direktor des Instituts für Schweizerisches Bankwesen an der Universität Zürich zu bedenken. Für die weitere Entwicklung des Segments werden daher institutionelle Investoren von entscheidender Bedeutung sein. Sie verlangen nach verbindlichen Standards und werden die Festlegung von Schlüsselindikatoren für Nachhaltigkeit vorantreiben. Damit könnten sie die Grundlagen schaffen für einen wirklich "nachhaltigen" Paradigmenwechsel in der Finanzindustrie.
(SP)
Die Unternehmensberatung Accenture veröffentlichte Anfang Oktober die CEO-Studie "A New Era of Sustainability" für den UN Global Compact. Die Studie zeigt ein klares Bekenntnis zur Nachhaltigkeit in der Unternehmenswelt. 766 CEOs aus über 100 Ländern beteiligten sich an der Studie, darunter auch Unternehmensführer deutscher Großunternehmen wie Jürgen Hambrecht von der BASF SE und René Obermann von der Deutschen Telekom AG.
93% der befragten Top-Manager gehen davon aus, dass Nachhaltigkeit in Zukunft ein wichtiges Thema sein wird. 86% der Unternehmensvorstände glauben, dass spätestens in 10 bis 15 Jahren Nachhaltigkeit in allen Unternehmen zum Kerngeschäft gehören wird. Bemerkenswert: 81% der Befragten sehen Nachhaltigkeit bereits als integralen Bestandteil ihrer Unternehmensstrategie an.
Neben der allgemeinen Akzeptanz fragt die Studie auch nach Motiven für nachhaltiges Handeln. Die Unternehmensvorstände sehen insbesondere im Markenvertrauen und der Reputation (72%), im Klimawandel (66%) und in den Konsumentenerwartungen (58%) die Haupttreiber für Nachhaltigkeit - hingegen geben nur 12 Prozent der Befragten an, auf Druck von Aktionären zu handeln.
Bei allem "grünen" Optimismus sehen die Topmanager Verbesserungsbedarf, insbesondere im Konsumenten- und im Investmentumfeld. Den Konsumenten unterstellen sie, zu wenig über Nachhaltigkeit zu wissen. Selbstkritisch adressieren sie ihren Ruf nach neuem Wissen und Denkweisen für nachhaltige Entwicklung nicht nur an Bildungseinrichtungen, sondern auch an die eigene Zunft. Eine weitere Empfehlung resultiert aus der wahrgenommenen Investorenunsicherheit. Erst ein besseres Verständnis bei Investoren für den Wert und eine Messbarkeit der Leistungen von Nachhaltigkeit führten zu einer Integration von Nachhaltigkeit ins Kerngeschäft.
(MG)