Der Kegel ist so perfekt, dass der eine oder andere Mathematiklehrer mit Hang zur Formenkunde bei seinem Anblick feuchte Augen bekommen mag. Neben der konischen Idealform ist der sogenannte Weihnachtsbaum auf der Reforma Avenue in Mexico City auch noch der weltweit größte. Wobei eben von „Baum“ im botanischen Sinne hier nicht die Rede sein kann, vielmehr handelt es sich um ein wagemutig beleuchtetes Gerüstbauwerk.

Echten Nadelhölzern dieser Größe verbietet der natürliche Aufwuchs eine solcherart ebenmäßige Geometrie. Dem Schöpfer sei Dank!

Denn so haben die Frankfurterinnen und Frankfurter bereits Anfang November ein Schmähobjekt, wenn die Feuerwehr auf dem Römerberg den Baum aus echtem Holz und Harz aufrichtet. Dabei vergessen die kommentierenden Zuschauer geflissentlich, dass auch sie selbst kurz nach dem Aufstehen erst einiger Kosmetik bedürfen um später in vollem Glanz zu strahlen.

Gleichermaßen haben sich unter den Feuerwehrleuten einige Make-Up-Artists hervorgetan, die mit Contouring und Body Shaping den Baum da frisieren und zurechtmachen, wo untenrum ein bisschen wenig da ist oder der bei der Anlieferung unachtsam abgebogene Lkw ihm die Spitze geraubt hat.

Weil es aber in Frankfurt als Pflicht empfunden wird, den Weihnachtsbaum vor dem Römer zu bemäkeln, findet er auch dann noch Beanstandung, wenn eigentlich nichts mehr zu monieren ist.

Fröhliche Weihnacht überall

Unkritisch, gleichsam sakrosankt sieht man dagegen den sogenannten Weihnachtsmarkt zu Füßen des Baumes. Vom einstmals beschaulichen Hüttendorf ist er längst zum Moloch gewuchert, dessen unübersichtliche Verbautheit jeden Panikforscher in ebendiese versetzen kann. Wobei „Markt“ natürlich eine Beschaulichkeit und Gemütlichkeit nahelegt, die für den tatsächlichen Advents-Umschlagplatz zwischen Römerberg und Hauptwache nicht gelten kann.

Ortskundige haben längst alternative Laufwege entworfen und planen für Strecken durch die Innenstadt eine Viertelstunde zusätzlich ein, die sie beseelten Weihnachtsmarktflaneuren vorbei an warmen Socken, Staubfängern „aus echtem Kristall“, Nierenspießen und maschinenpistolenbehängten Landespolizisten hinterher schleichen müssen.

Fraglos ist es nur der Unantastbarkeit von Traditionsveranstaltungen geschuldet, dass jahrein jahraus gestattet wird, dicht an dicht Holzbuden nebeneinander zu stellen und mit knochentrockenen Fichtenzweigen zu behängen um dann darin offenes Feuer zu entfachen.

Ein Event-Konzept, dessen Neubeantragung bei der Ordnungsbehörde im Jahr 2018 bestenfalls Empörung auslösen würde.

Macht hoch die Tür

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen den Weihnachtsrummel die Innenstadtgastronomen, die zweitweise recht einsam hinter ihren Tresen stehen. Bis der Weihnachtsmarkt aus verordneter Rücksicht auf die Anwohner bereits um 21 Uhr den Ausschank einstellt und dann oft sehr vorgeglühte und in Sauflaune geratene Arbeitskollegengruppen „noch auf einen Absacker“ die Türen der Innenstadtbars aufwerfen.

Dann herrscht zwar mit einem Schlag Hochbetrieb in den Kneipen, aber die Stammgäste an der Theke blicken betroffen und verschreckt in ihren Sauergespritzen, wenn hinten am Tisch eine Abteilung Revisionsbuchhalterinnen mit dem Selbstbewusstsein und der Lautstärke der Beschwipsten in Fahrt kommt.

Und wenn schließlich zwei Tage vor Heiligabend der Weihnachtsmarkt die letzte Kelle Punsch ausschenkt, rechnet der städtische Veranstalter ab und verkündet das je nach Wetterlage ausgefallene Ergebnis der Marktbetreiber.

Kurz nach dem Dreikönigstag steht dann erneut der Feuerwehrkran vor dem Römer und fällt, sofern er nicht schon während des Silvesterfeuerwerks in Brand geraten war, ungerührt den eigentlich doch ziemlich schönen Weihnachtsbaum.

Kein Grund sich zu grämen. In 42 Wochen steht er wieder.

Frankfurter Ansichten

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