An die Einsamkeit hatte er sich gewöhnt. Schon vor Jahrzehnten. Er war einsam, nicht allein. Das ist ein großer Unterschied. Vor vielen Jahren war immerhin ein ALDI nebenan eingezogen und tagein tagaus spürte er das Kommen und Gehen, die Rangierbemühungen auf dem Parkplatz und das Geklirre der Einkaufswagen. Sehen konnte er es freilich nicht, denn die Öffnungen, durch die das hätte erfolgen können, waren Schlitze und darüber hinaus zubetoniert.

Denn er war ein Hochbunker.

Und deshalb war er einsam, von seiner Art hatte es schon immer nur wenige gegeben. Und die, die es gab, wurden von Tag zu Tag weniger. Viele waren abgerissen, womöglich sogar gesprengt worden. Man hatte ihnen aufs Dach gebaut oder sie mit Fassadengrün oder Graffiti entstellt und zu  „Kulturbunkern“ erklärt. In seinem eigenen Inneren ruhten dagegen lediglich die Festgarnituren der benachbarten Kirchengemeinde. Denn er war sich treu geblieben und wollte seinen Hochbunker-Charme trotz aller Einsamkeit in die Zukunft tragen.

Doch vor einigen Jahren hatte er plötzlich und unerwartet Gesellschaft von Gleichen bekommen. Ganz in der Nähe, auf einem Gelände, das früher einmal der große Güterbahnhof „Frankfurt am Main“ gewesen war und das danach lange brach gelegen hatte, wurde gebaut. Doch anscheinend nicht Wohnhäuser, wie sie um ihn herum standen. Und auch nicht große Glastürme, für die seine Stadt bekannt war.

Nein. Es waren gleichsam Hochbunker, die da gebaut wurden. Und sie sahen aus wie er: Wuchtige Quader mit Betonwänden, deren dicke Fassadendämmung der Bunkerhaftigkeit der schießschartenartig schmalen Fensteröffnungen Nachdruck verliehen. Zwar hatten sie flache Dächer und nicht wie er ein prägnantes Giebeldach, aber das war sicherlich dem zeitgenössischen Geschmack geschuldet. Man durfte nicht vergessen, dass auch er in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einem Wohnhaus hatte ähnlich sehen sollen. Aber ein Bunker war er gewesen. Ob in den Neuen auch einmal so viele Menschen ein und aus gehen würden wie bei ihm damals?

Meinungsbildung auf Verbundsteinpflaster

Auf dem Parkplatz eines Lebensmittel-Discounters kriegte man an einem Samstagmorgen so einiges mit. Seit Jahren schon hatte er die Leute aus dem Viertel reden hören über das Güterbahnhofsgelände, das fortan „Europaviertel“ heißen würde und wo jetzt die mutmaßlichen Hochbunker neu entstanden. Selten Gutes.

Anfangs hatten vor allem die alten Eisenbahner den Güterbahnhof für erhaltenswert erklärt, geschimpft und in Erinnerungen gekramt bis die Nostalgie ihnen einen Kloß in den Hals legte und ihre Stimme brechen ließ. Wenn sie dann mit tränenumflorten Blick und ihren Einkaufstragetüten gegangen waren, konnten die anderen wieder freier sprechen. „Klar ist es schade drum“, sagte eine. „Aber um die Riesenfläche ist es auch schade. Außerdem kriegt man kaum noch ‘ne Wohnung und einen Park hatten wir hier noch nie.“

Im Leben werde sie dort keine Wohnung finden, entgegnete ihr ein anderer. Es sei denn, sie heirate einen Scheich. Luxuswohnungen würden dort entstehen. „Un‘ nix anneres.“ Ihr alter Stadtteil „Gallus“ solle bleiben wie er sei und das Europaviertel werde nie richtig dazugehören.

Die Beteuerungen der Stadtplaner, das Europaviertel sei Teil des Gallus und man werde dort mit den Investoren 30 Prozent geförderten Wohnungsbau auch für sozial Schwächere vereinbaren, erreichten die Diskussionszirkel des ALDI-Parkplatzes genauso wenig wie die des Weinstandes am Freitagsmarkt oder der linken Studierenden in der verqualmten Kellerkneipe des ehemaligen Arbeiterviertels.

Grenzen der Kommunikation

Wohl auch deswegen war eines Morgens eine stadtteilgeografisch exakt auf die Straße gesprühte Linie zu sehen. „Gallus“ stand auf der einen Seite, „Europaviertel“ auf der anderen. Und für diejenigen, die der Bedeutung dieser Grenzziehung nicht auf Anhieb gewahr wurden, hatte man in gleicher Farbe auf einem Wohnhaus auf der Europaviertelseite schwungvoll geschrieben: „Yuppies raus!“

Für die Stadtteilpolitiker und Projektentwickler war das der größte anzunehmende Unfall in ihren Bemühungen das Zusammenwachsen des alten und des neuen Stadtteils beziehungsweise den Absatz der vielen neuen schicken Wohnungen zu befördern. „Stalinallee“ ätzte es zudem aus dem Feuilleton.

Man brauchte in der Tat kein Architekturkritiker sein um zu erkennen, dass bei der Formgebung der riesigen Gebäude entlang der gut zwei Kilometer langen Europa-Allee mehr der Kundengeschmack als die gestalterische Vielfalt im Vordergrund gestanden hatte.

Mit dem Wort „Gentrifizierung“ konnte der alte Hochbunker am ALDI-Parkplatz zunächst nichts anfangen und dem Vernehmen nach brauchten auch die jeden Samstag auf der Verbundsteinpflasterfläche nebenan Debattierenden eine Weile, bis ihre Zungen es beherrschten. Aber es bedeutete wohl sowas wie Verdrängung, steigende Mieten, Verlust der Identität des Stadtteils, Wegzug der einkommensschwachen Alten und der kinderreichen Familien. Dafür viele  neue, gutverdienende Singles.

Vor diesem Hintergrund wollten sich die Menschen auch nicht über die neue U-Bahnlinie freuen, die mit drei Stationen den Stadtteil zu einem der am besten erschlossenen der Stadt machen würde. Weil die Trasse der Stadtbahn aus Kostengründen teilweise oberirdisch durch den Park führen würde, war großer Alarm wegen der zu erwartenden Zerschneidung von Park, Stadtteil und spielenden Kindern.

Je mehr die Bauten des Europaviertels in die Höhe wuchsen, um so mehr dämmerte auch den Gesprächsteilnehmern entlang der überdachten Einkaufswagensammelstelle vor der ALDI-Tür, dass der Rahmen der architektonischen Manifestation für die Gebäudezeilen des Europaviertels enge Grenzen gehabt haben müsse: „Ein Bunker nach’em annern.“

Dem alten Hochbunker nebenan war es egal. Hauptsache nicht mehr einsam.

Frankfurter Ansichten

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