Sie hielten den Atem an und lauschten angestrengt. War das nicht das Geräusch einer Hacke, die sich nicht weit von ihnen ebenso wie sie selbst durch den lehmigen Kies der Normandie grub? In der Dunkelheit glaubten sie schon fast das Flackern einer Fackel zu sehen. Der Gedanke hier unten Dutzende Fuß tief auf den ihnen entgegen strebenden gegnerischen Tunnel zu treffen, drehte ihnen den Magen beinahe genauso um, wie die Ruhr, die oben im Feldlager ihre Kameraden wie die Fliegen sterben ließ. Aber sie hatten keine Wahl. Ein Feuer unter den Mauern von Harfleur war die einzige Möglichkeit sie einzureißen. Denn die Kanonade der letzten Wochen hatte kaum etwas bewirkt.

Über Generationen waren die Wehranlagen mittelalterlicher Städte wie Harfleur stetig verstärkt und erweitert worden. Man hatte sie an das Zeitalter des Schießpulvers ebenso angepasst wie viele Jahrhunderte zuvor an die Rammböcke und Belagerungstürme der Antike, so dass sie meist nur mehr durch Aushungern oder Verrat überwunden werden konnten.

Im Abendland noch unbekannt, ließen 8000 Kilometer östlich von Harfleur schon seit Jahrhunderten Dynastien chinesischer Kaiser zehntausende Kilometer lange Mauern errichten, um ihre Reiche vor den plündernden, nomadischen Reitern aus dem Westen zu schützen.
Im Zweiten Weltkrieg glaubte Hitler mit seinem betonierten Atlantikwall die Invasion der Alliierten in der Normandie aufhalten zu können und 8000 km westlich von Harfleur verbeißt sich gegenwärtig ein narzisstischer US-Präsident in sein Wahlkampfversprechen, Armutsmigration aus Lateinamerika mit einer Mauer an der mexikanischen Grenze unmöglich zu machen.

Schon weit vor Beginn der Siedlungsgeschichte sicherten sich Menschen mit einer Umzäunung aus Dornengestrüpp vor den Angriffen wilder Tiere und Überfällen anderer Stämme.

Mit dem Anbruch des 21. Jahrhunderts waren jedoch an einem Vormittag alle über Jahrtausende raffinierten Befestigungskonzepte wirkungslos geworden, als 2001 die beiden Türme des World Trade Centers in sich zusammenfielen.
Und als in Nizza und später in vielen anderen europäischen Metropolen Lastwagen durch Menschenmengen auf Promenaden und Weihnachtsmärkten pflügten, war klar, dass Städte und ihre Bevölkerung erneut in das Fadenkreuz gerückt waren. Nur dass es nun nicht mehr galt, Schutz wie in Harfleur nach außen oder wie während der Luftangriffe in den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts gen Himmel zu gewährleisten. Sondern nach innen, um an öffentlichen Orten im Alltag Gewalttaten mittels Alltagsgegenständen zu verhindern.

Auf die historischen Überlegungen zur Ballistik der Kanonenkugel, zu Zugbrücken, Stacheldraht, Sperrballons und Patriot-Raketen folgt heute die Frage, wie sich das Führerhaus eines MAN-40-Tonners beim Anprall auf einen Kubikmeter Beton oder andere „Durchbruchsperren“ verhält. Denn völlig landesuntypisch gab es hierzu bis vor kurzem noch keine technische Richtlinie.
Gleich gefolgt von der Frage, wie sich die neuen Bollwerke möglichst harmlos und unsichtbar aber gleichzeitig abschreckend in das Innenstadtbild einfügen.

Zeitgemäße Bollwerke

Mit einem Mal war die Frankfurter stadteigene Tourismus GmbH Großbesitzerin tonnenschwerer Beton-Legosteine, die seither die Zugänge zu den von ihr ausgerichteten Großveranstaltungen kennzeichnen. Ergänzt werden sie bei stadtweiten Sportveranstaltungen und Weihnachtsmärkten gelegentlich auch durch querstehende Müllwagen, Feuerwehrfahrzeuge und Miet-Lkw.
Vor einem Jahr wurden die Beton-Quader dann auf Anraten der Polizei dauerhaft an zweien von Frankfurts prominentesten Orten platziert, namentlich an Hauptwache und Opernplatz. Versehen mit rot-weißen Warnmarkierungen, damit niemand dagegen fährt, der es nicht soll.

Seither ist die Debatte entbrannt, wie die Bollwerke zu verschönern seien. Frankfurter Schulkinder standen kurz davor, zu diesen Arbeiten durch die Kommunalpolitik heran gezogen zu werden. Sie kamen nur deshalb mit dem Schrecken davon, weil die grauen Würfel zu Provisorien weniger Monate erklärt wurden.

Ein gutes Dreivierteljahr recherchierten die Ordnungsbehörden der Stadt europaweit nach Varianten für stadtbildtaugliche, festinstallierte Sperrwerke und stellten sie unlängst dem Sicherheitsausschuss des Frankfurter Stadtparlamentes vor.
Die Präsentation zeigte die obligatorischen Beton-Pflanzkübel, die bereits seit den 70ern ganz ohne Terrorgefahr öffentliche Plätze hässlich gemacht hatten. Versenkbare Poller und tief im Boden verankerte Sitzbänke aus hämorrhoidenfreundlichem Stahl wurden ebenso vorgestellt wie die tatsächlich allerorten in der Stadt benötigten Fahrradständer. Fraglos gekrönt wurde der Bildervortrag von einem Fundstück aus Kopenhagen: Betonlöwen, wie sie in ihrer goldlackierten Kunststoffvariante zu beiden Seiten der Eingangstüren von China-Restaurants zu finden sind.
Abbruch und Aufbruch

Aufgeatmet hatten die Bürger Frankfurts, als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die mächtigen, sternförmigen Befestigungsanlagen abgebrochen wurden, die die schon damals wachsende Stadt wie ein zu enges Korsett umfingen und den Zutritt nur durch wenige Tore zuließ.
An ihrer Stelle wurden Gärten angelegt, die durch einen öffentlichen Spazierweg miteinander verbunden wurden. Es war der Prototyp des seitdem über Generationen erweiterten Grüngürtels. Noch heute genügt ein Blick auf die Frankfurter Straßenkarte um den Verlauf der einstigen Bollwerke nachzuvollziehen. Der grüne, baumbestandene Anlagenring mit ausgedehnten Rasenflächen und Weihern hat in seiner Ausdehnung nahezu bis heute Bestand.

Denn um seine Bebauung zu verhindern, hatten die Stadtväter bereits 1827 das sogenannte Wallservitut (wörtlich: Walldienstbarkeit) erlassen und konnten im Jahr 1903 sogar Kaiser Wilhelm II. dazu bewegen, ein eigenes Reichsgesetz zu erlassen, mit dem die Unantastbarkeit der Wallanlagen festgeschrieben wurde. Die Regelungen von damals haben bis heute Bestand und verhindern seither alle Vorstöße von Investoren, die ein Auge auf die Areale in bester Innenstadtlage geworfen hatten, ebenso wie Ideen, die wertvollen Flächen in Zeiten klammer öffentlicher Kassen zu versilbern.
Selbst den aktuellen Planspielen von Kommunalpolitikern, die sich auf der Suche nach neuen Standorten für die sanierungsbedürftige Doppelanlage von Oper und Schauspiel in die Grünanlagen hinein tasten wollen, hält das Wallservitut bislang stand.

Es ist wohl schlichtweg der Zeitgeist, der auf der einen Seite erlaubt, dass das grüne Wegenetz, das vor 200 Jahren an die Stelle der alten Bastionen trat, mit großer Vehemenz verteidigt wird, während gleichzeitig wenige Meter entfernt auf den Promenaden der Gegenwart neue Sperranlagen errichtet werden.

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