Auch Nichtlateiner erkennen in der Redensart nomen est omen die Binsenweisheit, dass der Name einer Person oder einer Sache kennzeichnend für ihr Wesen ist. „Der Name ist Programm“ sagen wir heute und damit ist klar, dass der Benennung nicht nur im antiken Rom eine besondere Bedeutung zukam. Namen zu geben, die treffsicher, eindeutig und unmissverständlich auf die dahinterstehenden Dinge, Personen oder Orte schließen lassen, ist im Kommunikationszeitalter zur Pflicht geworden. Bezeichnungen zu finden, die nicht nur prägnant sondern auch sprachliche Zierde sind, ist dabei die Kür.

Durch das bisweilen hypertrophe Wachstum unserer Städte, entstehen allerorten Flächen, Plätze und Wegeverbindungen, die erst richtig da sind, wenn sie ihren Namen haben. Schnell liegen hierfür vermeintlich augenfällige und wohlklingende Vorschläge auf dem Tisch.

Vogelarten, Blumen und Obstsorten kommen gleichermaßen in Frage. Auch auf räumliche Ausdehnung –breit oder schmal, groß oder klein – wurde besonders in vergangenen Tagen oft Bezug genommen.
Allerdings zumeist innerhalb der Stadtgrenzen.

Außerhalb davon, war es ausgesprochen sinnvoll und buchstäblich richtungsweisend, Wegebeziehungen nach den Orten zu nennen, denen sie zustrebten. Dabei beschränkte man sich fairerweise auf Städtenamen, die möglichst innerhalb eines Tagesmarsches oder –rittes zu erreichen waren. Von einer Flensburger Landstraße ist deshalb in Freiburg nichts bekannt und umgekehrt.

Innerorts stand und steht eine Stadtgesellschaft immer wieder vor der Aufgabe die Orte von besonderer Bedeutung ihrer Größe und Funktion nach angemessen zu benennen. Oft erwies es sich als günstig, den zuletzt auf den Schild gehobenen Anführer oder Schlachtenlenker auch gleich noch als Namenspatron auf das Schild zu heben. Auf das Straßenschild.

„Nennen ist rufen. Gib ihm keinen Namen, und er ist nicht mehr.“
(Die Wiedergeburt des Melchior Dronte, Paul Busson)

Doch offenbarte sich diese Handhabung je nach Lauf und Wendung der Geschichte im Nachhinein bisweilen als unglücklich, wozu auch hier wiederum Freiburg als Beispiel dienen kann.

Denn in der Breisgau-Metropole wurde zur NS-Zeit gleich ein ganzes „Heldenviertel“ nach Heerführern und Austragungsorten von Kampfhandlungen des ersten Weltkriegs benannt, darunter wenig überraschend auch schwer belastete Charaktere.

Zu diesem Ergebnis kam die im Auftrag des Gemeinderates bestellte wissenschaftliche Expertenkommission, die alle 1300 Freiburger Straßennamen auf „Förderer des Nationalsozialismus, aggressive Antisemiten, extreme Rassisten, Militaristen und Frauenfeinde“ hin überprüfte. Für zwölf Straßen empfahl sie im Ergebnis eine Umbenennung, für weitere 15 mindestens zusätzliche Hinweistafeln, die auf die biografischen Dunkelstellen des Namensgebers hinweisen. Darunter Heidegger und Hindenburg. Auch in Münster wurde nach Letzterem benannte Fläche – immerhin der zweitgrößte innerstädtische Platz Europas – nach mehrjähriger öffentlicher Debatte in „Schlossplatz“ umbenannt.

Bemerkenswerterweise hatte er vor Hindenburg allerdings 150 Jahre „Neuplatz“ geheißen.

„Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch“ (Faust)

Auch in Wien und Oldenburg gab es ähnliche Prozesse der Um- oder Neubenennung. Wenn die Nomenklatur der Straßen- und Ortsnamen aber dem Zweitgeist unterworfen ist und im Lauf der Generationen unterschiedlich beordnet wird, sind ihre Namen also nur zum Teil das Gedächtnis einer Stadt.

Die Frage ist also nicht mehr, welchen Namen ein Ort trägt, sondern wann und unter welchen Umständen er ihn trägt. Als Beispiel dient hier Frankfurt am Main. Im dort auf dem Gelände des ehemaligen Hauptgüterbahnhofes neu entstanden Europaviertels benannte das örtliche Stadtteilparlament unlängst einen Park nach der Vorkriegsfußballspielerin Lotte Specht. Was heute wie selbstverständlich erscheint, wäre vor wenigen Jahrzehnten lediglich mit einem boshaften Herrenwitz kommentiert und dann abgetan worden. Die Benennung eines Platzes in der Frankfurter Innenstadt nach Karl Heinrich Ulrichs, dem „ersten Schwulen der Weltgeschichte“ wäre schlechterdings undenkbar gewesen. Heute aber trägt der Platz nahe dem Freien Deutschen Hochstift, das ihn zu Lebzeiten ausgeschlossen hatte, seinen Namen.

Neben der Frage, ob der gewählte Name eines Ortes in die Zeit passt, steht auch die Herausforderung, für eine Persönlichkeit, der nach Rang und Lebenswerk ein Namenspatronat zusteht, einen angemessen großartigen Ort zuordnen zu können.

Eine Aufgabe vor der man ebenfalls im Frankfurt stand, als der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt im Jahr 1992 von der Bühne des Lebens abgetreten war. Der Erzählung nach hatten die Stadtoberhäupter damals händeringend nach einem Ort für seinen Namen gesucht, der nahe der Paulskirche mit Brandts Wirken als Demokrat und der flankierenden Berliner Straße mit seiner Zeit als Berliner Regierender Bürgermeister einen semantischen Dreiklang erzeugen sollte.

Weil die in Frage kommende Straße aber schlichtweg zu minderwertig erschien, wurde das Areal an dem in Frankfurt die Doppeltheateranlage mit Schauspiel und Oper zu Hause ist und deshalb sinnstiftend den Namen „Theaterplatz“ trägt, kurzerhand mit dem Namen des ehrenwerten Altkanzlers versehen.

Bei der feierlichen Enthüllung des Schildes „Willi-Brandt-Platz“ durch Oberbürgermeister Andreas von Schoeler im Jahr 1993 bedurfte es dann nur noch eines italienischen Journalisten um auf den vorliegenden Rechtschreibfehler aufmerksam zu machen.

Frankfurter Ansichten

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